Zuwanderung ist eine Chance, keine Bedrohung

Ein Kommentar von Matthias Dehmel

Natürlich verurteile ich die Gewalt, die sich aktuell gegen Zuwanderer richtet. So wie ich Gewalt gegen wehrlose, unschuldige Menschen grundsätzlich verurteile. Zumal, wenn diese Menschen tief traumatisiert sind, eine Zuflucht suchen und/oder furchtbare Strapazen einer lebensgefährlichen Migration hinter sich haben.

Bin ich deshalb mutig? Bin ich der Mehrheit der Bevölkerung damit einen Schritt voraus? Nein! Genauso wenig sind es die Twitterer, Blogger oder Schauspieler, die ihre Philanthropie unbedingt mit der ganzen Welt teilen müssen. Ich finde, für einen aufgeklärten Menschen gibt es nichts Selbstverständlicheres als das Verurteilen dieser Gewalt.

Umso mehr hat mich eine Sache in den letzten Wochen ganz besonders beschäftigt. Was wollten denn all jene unterstellen, die der Bundeskanzlerin ihr angebliches (!) Schweigen bezüglich der Attentate auf geplante Flüchtlingsunterkünfte vorwarfen? Waren sie tatsächlich der Meinung, Frau Merkel unterstütze solche Taten klammheimlich? Wollten sie deutlich machen, dass jene Frau, die unser Land seit 10 Jahren mit großem Erfolg regiert, noch nicht in der modernen Gesellschaft angekommen ist? Oder waren sie ernsthaft der Meinung, die Randalierer von Heidenau oder sonstwo würden sich von den Worten der Regierungschefin besänftigen lassen?

Schwachsinn! Ziel war es mal wieder, am Lack der Bundeskanzlerin zu kratzen. Und einmal mehr wurde dieses Ziel verfehlt. Erstens, weil die Deutschen ihre Kanzlerin mittlerweile zu gut kennen, um solche Unterstellungen zuzulassen. Und zweitens, weil die Kanzlerin sich in Wirklichkeit immer wieder ablehnend zu den menschenverachtenden Straftaten geäußert hat. Fortwährend hat Angela Merkel betont, dass Rassismus und Xenophobie keinen Platz in unserer Gesellschaft haben dürfen.

Klar ist: Wer in Deutschland Schutz sucht, hat das Recht auf ein faires Verfahren, an dessen Ende die Bewilligung von Asyl oder aber die Rückführung in die Heimat steht. Dieses Recht ist nicht verhandelbar und schon gar nicht mit Gewalt anfechtbar. Genauso wenig ist es anfechtbar, dass jeder Mensch, der nach Deutschland kommt, die Regeln unserer Verfassung und unserer Gesetze respektieren muss. Wer das nicht tut, sollte wieder in seine Heimat zurückkehren müssen. Das Einhalten von Gesetzen gilt aber nicht nur für Ausländer, sondern selbstverständlich auch für Deutsche.

Es ist beschämend, dass dies ein Teil unserer Gesellschaft offenbar noch nicht verstanden hat. Gar peinlich ist es, dass gerade jene Menschen, die an ihre Volksvertreter höchste Ansprüche stellen, oft für die einfachsten Antworten auf komplexe politische Fragen empfänglich sind.

Auf vielschichtige Fragen, die sich um Zuwanderung und Asyl, um Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge, um Unterbringung und Abschiebung oder auch um Integration und Leitkultur drehen, gibt es keine einfachen Antworten. Weder das ausländerfeindliche Ablehnen jeglicher Zuwanderung von rechts, noch das armeausbreitende „Kein Mensch ist illegal“ von linker und grüner Seite sind akzeptable Strategien. Differenzieren ist angesagt! Asyl und Flüchtlingsunterbringung: ja, Aufnahme aller Zuwanderer: nein.

Was aber viel wichtiger ist: die Welle, die derzeit aus dem Ausland auf uns zuschwappt muss als Chance verstanden werden. Schon heute ist der demografische Wandel spürbar. Wenn bald die Baby-Boomer in Rente gehen, wird der Generationenvertrag noch stärker strapaziert. Deutschland ist folglich auf den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte angewiesen. Der Vorteil, dass ein großer Teil derer, die heute Zuflucht in der Bundesrepublik suchen, unter 25 Jahren alt ist, muss genutzt werden. Sie müssen schnellstmöglich die deutsche Sprache lernen und in die Ausbildung gehen. Sie sind die Steuerzahler von morgen. Gleichzeitig fördert man auf diese Weise die Integration der Einwanderer in die Gesellschaft.

Angst vor Fremden, Angst im Allgemeinen ist immer eine schlechte Beraterin. In Sachen Zuwanderung bin ich mir sicher: Das, was heute von vielen als große Bedrohung dargestellt wird, werden wir schon in wenigen Jahren als großen Glücksfall für die Bundesrepublik betrachten.   

Matthias Dehmel

 

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